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Ein Jahr nach dem Liberation Day, was der Zollschock gelehrt hat

Ein Jahr danach steht der S&P 500 in Dollar 16 Prozent höher, in Euro 8 Prozent. Der bleibende Preis des Zollschocks für Euro-Anleger war die Währung.

Von Valued5 Min. Lesezeit
Gestapelte Schiffscontainer und Kräne im Hamburger Hafen unter grauem Morgenhimmel, vom gegenüberliegenden Elbufer gesehen.

Am 2. April 2025 schloss der S&P 500 bei 5.670,97 Punkten, Stunden bevor der amerikanische Präsident Zölle auf Einfuhren aus fast allen Ländern verkündete. Gestern, ein Jahr später, schloss er bei 6.575,32. Das sind 16 Prozent mehr in Dollar. Für einen Anleger, der in Euro rechnet, sind es 8 Prozent, weil der Euro im selben Jahr von 1,0803 auf 1,1605 Dollar gestiegen ist. Der Kurssturz, der im April 2025 die Nachrichten füllte, war nach Wochen vorbei. Geblieben ist die Währung, und über die sprach damals fast niemand.

Was geschah in der Woche des 2. April 2025?

Die Ankündigung sah einen Basiszoll von 10 Prozent auf Einfuhren aus nahezu allen Ländern vor und höhere Sätze für einzelne Handelspartner: 20 Prozent für die Europäische Union, 24 Prozent für Japan, 31 Prozent für die Schweiz, 34 Prozent für China. Der S&P 500 verlor am folgenden Tag 4,8 Prozent und am Tag darauf 6,0 Prozent. Zum Handelsschluss am 8. April stand er bei 4.982,77 Punkten, 12 Prozent tiefer nach vier Handelstagen.

Am 9. April wurden die länderspezifischen Sätze für 90 Tage ausgesetzt, mit Ausnahme Chinas, und der Index stieg an einem Tag um 9,5 Prozent. Am 27. Juni 2025 schloss er auf einem Rekordstand. Über jene Woche haben wir damals geschrieben, vor allem darüber, was sie mit dem privaten Anteil eines Portfolios macht.

Wo stehen die Zölle ein Jahr später?

Nicht dort, wo sie angekündigt wurden, und nicht auf festem Grund.

Im Sommer 2025 schlossen die USA Rahmenabkommen. Das mit der EU wurde am 27. Juli vereinbart, und die gemeinsame Erklärung vom 21. August 2025 legte für die meisten EU-Waren eine Obergrenze von 15 Prozent fest, in der alle Zölle enthalten sind. Die länderspezifischen Sätze für andere Partner traten am 7. August in Kraft.

Dann fiel die Rechtsgrundlage weg. Die meisten dieser Zölle stützten sich auf ein Notstandsgesetz, den International Emergency Economic Powers Act. Am 20. Februar 2026 entschied der Oberste Gerichtshof der USA mit sechs zu drei Stimmen im Fall Learning Resources v. Trump, dass dieses Gesetz den Präsidenten nicht zur Erhebung von Zöllen ermächtigt. Noch am selben Tag verkündete der Präsident einen Aufschlag von 10 Prozent auf die meisten Einfuhren nach einem anderen Gesetz, Section 122 des Trade Act von 1974, in Kraft seit dem 24. Februar. Diese Vorschrift erlaubt bis zu 15 Prozent und gilt 150 Tage, sofern der Kongress nicht verlängert. Sie läuft also Ende Juli aus. Die Zölle auf Stahl, Aluminium, Autos und einige weitere Branchen beruhen auf einem dritten Gesetz und gelten weiter. Ob und wie Importeure zurückerhalten, was sie unter dem Notstandsgesetz gezahlt haben, ist offen.

Das Budget Lab der Universität Yale schätzt den durchschnittlichen effektiven US-Zollsatz auf 14,3 Prozent vor dem Urteil, 7,3 Prozent unmittelbar danach und 10,5 Prozent mit dem neuen Aufschlag, Stand 9. März 2026. Ein Jahr nach der Ankündigung liegt der Satz damit weit über dem Niveau vor 2025, deutlich unter der Ankündigung vom April und auf einer Vorschrift mit Ablaufdatum.

Was hat das Jahr mit dem Portfolio eines Euro-Anlegers gemacht?

Nehmen wir 100.000 Euro in einem Indexfonds auf den S&P 500 am 2. April 2025, ohne Dividenden und Kosten. Am 8. April waren sie rund 86.700 Euro wert. Gestern waren es rund 107.900 Euro. In Dollar ging dieselbe Position von 100 auf 116. Der Unterschied ist der Wechselkurs: Der Dollar hat gegenüber dem Euro im Lauf des Jahres rund 7 Prozent verloren, das meiste davon in den ersten Wochen. Allein zwischen dem 2. und dem 11. April 2025 bewegte sich der EZB-Referenzkurs von 1,0803 auf 1,1346.

Der DAX schloss am 2. April 2025 bei rund 22.390 Punkten und gestern bei 23.298,89, ein Plus von 4 Prozent einschließlich Dividenden, denn der DAX ist ein Performance-Index. Das Jahr 2025 hatte er nach einem Anstieg von 23 Prozent bei rund 24.490 Punkten beendet, im ersten Quartal 2026 gab er 7,4 Prozent ab.

Zwei Beobachtungen. Wer amerikanische Aktien zum Schluss des 8. April 2025 verkaufte, machte aus einem Buchverlust von 13 Prozent in Euro einen echten und musste danach entscheiden, wann er zurückkehrt. Und wer nichts tat, verdiente trotzdem nur die Hälfte dessen, was die Schlagzeile nahelegt, wegen einer Währungsbewegung, die stattfand, während alle auf den Index schauten. Diesen Effekt haben wir nach dem ersten Halbjahr 2025 betrachtet. Er gilt für Commitments an Dollar-Fonds genauso.

Im privaten Teil eines Portfolios war der Schock fast unsichtbar. Fonds bewerten ihre Beteiligungen zum Quartalsende. Der Einbruch kam nach dem 31. März und war vor dem 30. Juni vorbei, drei Tage nach dem Rekordstand des Index. Ein Fondsbericht für das zweite Quartal 2025 hatte wenig Anlass, ihn zu zeigen. Das belegt nicht, dass private Beteiligungen sicherer waren. Ihre Bewertungsstichtage haben den Rückgang schlicht verfehlt. Darin liegt das Argument dafür, beide Seiten zusammen zu betrachten.

Was hat das Jahr über die Reaktion auf einen Schock gelehrt?

Erstens: Der schnelle Teil war schneller als jede überlegte Entscheidung. Das Tief kam vier Handelstage nach der Ankündigung, die Wende am fünften. Wer eine Woche braucht, um nachzudenken, den Berater anzurufen und zu handeln, wurde von dieser Langsamkeit geschützt. Das ist Glück. Es spricht dafür, vorab festzulegen, was einen Verkauf auslösen würde, und zwar anhand des eigenen Liquiditätsbedarfs und nicht anhand von Indexständen.

Zweitens: Auf Klarheit zu warten stand nie zur Wahl. Ein Jahr später hat sich die Rechtsgrundlage der Zölle geändert, die jetzige läuft im Juli aus, und die Abkommen des vergangenen Sommers bauten auf Sätzen auf, deren Fundament das Gericht entfernt hat. Wer Entscheidungen aufgeschoben hat, „bis die Zollfrage geklärt ist“, wartet noch.

Drittens: Der Schaden kam durch eine andere Tür als die, auf die alle schauten. Im April 2025 lautete die Frage, wie tief die Aktien fallen. Für einen Euro-Anleger war die entscheidende Antwort der Dollar. Zu wissen, wie viel eines Portfolios in Dollar steckt, über Depot, Dollar-Fonds und direkte Beteiligungen hinweg, war mehr wert als jede Meinung zu Zöllen.

Viertens: Der nächste Schock hat eine andere Gestalt. Dieser Jahrestag fällt mitten in einen. Seit die amerikanischen und israelischen Luftangriffe auf den Iran am 28. Februar 2026 begannen und der Iran Anfang März die Straße von Hormus sperrte, stieg Rohöl der Sorte Brent Ende März über 110 Dollar je Barrel, und der S&P 500 verlor im ersten Quartal 4,6 Prozent. Das gestrige Plus von 2,7 Prozent im DAX beruhte auf der Hoffnung, der Krieg könne bald enden. Nichts aus dem April 2025 sagt uns, wie dieser Schock ausgeht. Übertragbar ist die Vorbereitung: Liquidität für Kapitalabrufe, damit nichts im Tief verkauft werden muss, Bandbreiten für jeden Teil des Portfolios statt Punktzielen und eine aktuelle Zahl für das Währungsrisiko.

Nichts davon ist Anlageberatung, und ein anderes Jahr hätte anders enden können: Auch ein Rückgang von 12 Prozent, der sich fortsetzt, kommt in der Börsengeschichte regelmäßig vor. Ein Jahrestag taugt dazu, das, was man in jener Woche getan hat, mit dem zu vergleichen, was man hätte tun wollen. Weicht beides voneinander ab, schreiben Sie die Regel jetzt auf, solange der nächste Schock noch läuft.

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